Wo der innere Funke beseelt sichtbar wird

Wo die Bilder enden, fängt meine Geschichte an

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich keine gerade Linie der ich gefolgt bin, ich sehe Spuren. Manche deutlich, andere fast verschwunden. Manche führten zu Erfahrungen, die ich lange nicht verstand. Andere zu Bildern, Worten und Ideen, die mich bis heute begleiten.

Dies ist meine Spurensuche von der Vergangenheit bis heute.

Die ersten Spuren

Als Kind liebte ich es mit großen Papierblättern auf dem Fußboden zu liegen und meine Traumhäuser zu entwerfen. Vor allem meine Badezimmer, die eher einer Wellnessoase glichen. Ich zeichnete unzählige Varianten und träumte von Glaskuppeln und eingelassenen Badewannen im Boden. Oft saß ich auf dem Bett und kritzelte damals schon irgendetwas auf das Papier, was mir im Geiste herum schwirrte.

Die Zahnbürsten-Spritztechnik hat mich begeistert. So viele schöne Motive übereinander ergaben immer neue Farbexplosionen. Ich liebte es zu klecksen. Das ist bis heute so geblieben. Ich schaue so gerne den Farben zu, wenn sie ineinander verlaufen. Egal ob beim aquarellieren, oder mit der Arbeit mit Marmormehl, Pigmenten und Schüttungen. Keine Kontrolle zu haben, ist das Größte und ist immer wieder spannend, was dabei heraus kommt.

Erste Wortspuren

Manche inneren Bilder kleideten sich in Wortgewänder und unsichtbare Kunstwerke.

Im lyrischen Exil wurde das Papier mein stiller Zuhörer. Es wertete meine Silben nicht, verlangte keine Rechtfertigung und brach kein Schweigen. Lautlos wurde Tinte mein Ventil und in stillen Stunden ordnete ich Gedanken, objektivierte und versuchte sie in mein inneres System einzupassen. Verfasste kleine Texte und Gedichte und hütete sie wie einen Schatz. Es dauerte lange, bis sie das Licht der Welt erblickten und ich meinen literarischen Schutzraum öffnete.

Das Schreiben bot mir neue Perspektiven. Es half, die schmerzhaften Geschichten in Wortkleider zu hüllen, ihnen eine Gestalt zu geben und portionsgerecht im Stillen zu verarbeiten. Damals als Jugendliche war mir nicht bewusst, dass es die ersten Schritte der Selbstregulation und Selbstheilung waren.

Meine Gedichte waren die Brücken die ich zuerst einmal nur für mich selber baute.

Suchen ☆ Lernen ☆ Ausprobieren

Ich suchte nie nach einer einzigen Technik. Ich suchte nach Möglichkeiten, sichtbar zu machen, was mich beschäftigte.

Zu Photoshop kam ich eher zufällig. Ein Freund erstellte damals meine erste Homepage für meine Firma und bearbeitete dafür Bilder und Grafiken mit Photoshop. Das machte mich neugierig. Ich wollte wissen, wie das funktioniert – und was ich selbst damit machen könnte.

2002 landete ich in Monis Photoshopforum, auch Blumenmoni genannt. Dort begann meine Pixelreise. Anfangs baute ich Tutorials Schritt für Schritt nach, um Photoshop und seine Werkzeuge kennenzulernen. Wenn etwas nicht funktionierte, probierte ich weiter, suchte im Netz nach einer Lösung oder fragte im Forum. Ich zeigte eigene Arbeiten, bekam Rückmeldungen und lernte weiter.

Photoshop bekam in diesen Jahren noch eine ganz andere Bedeutung für mich. Über 15 Jahre lebte ich mit den Schmerzen einer Trigeminusneuralgie. Am Computer konnte ich stundenlang sitzen, ausprobieren und gestalten. Die intensive Konzentration half mir, meinen Fokus umzulenken.

Photoshop nahm mir den Schmerz nicht. Aber es gab meiner Aufmerksamkeit zeitweise einen anderen Ort.

Später zog Moni mit ihrem Forum auf photoshopdesign.de um. Dort lernte ich auch das Pixeln und erschuf aus winzigen 1×1-Pixeln kleine Grafiken. Ich probierte Paint Shop Pro und CorelDRAW aus und stellte fest: Andere Programme waren keineswegs automatisch einfacher. Jedes hatte seine eigenen Herausforderungen. Mit Apophysis spielte ich mit Fraktalen und erschuf eigene Formen und Farbwelten. Zur Expertin wurde ich darin nie. Das musste ich auch nicht. Ich war und bin bis heute ein Spielkind, das wissen will: Was kann ich damit machen?

Mit der Fotografie kam neues Material für meine Experimente hinzu. Bis heute liebe ich es, eine Handvoll Blütenblätter im Sonnenlicht in meiner Hand zu verschieben und zu beobachten, wie durch Licht, Überlagerungen und Zwischenräume neue Formen entstehen. Ich fotografiere sie und an einem Nachmittag können so schon einmal 500 Aufnahmen zusammenkommen.

Anschließend geht das Spiel in Photoshop weiter. Ich filtere, spiegele, verfremde, verändere Farben und Formen und probiere aus. Stundenlang *seufz*. Ich liebe diese ruhigen Zeiten und die staunenden Momente, wenn plötzlich etwas Entzückendes vor mir erscheint, das ich niemals hätte planen können.

Oft suche ich gar nicht nach einem bestimmten Bild. Ich schaffe Bedingungen, unter denen eines entstehen kann.

Wann ein Bild fertig ist, entscheide ich nicht nach Regeln – ich spüre es. Manchmal weiß ich sofort: Das ist es. Manchmal will ich noch sehen, was möglich ist. Dann entstehen weitere Farben, Varianten, Veränderungen, bis ich irgendwann satt bin. Wie nach einem guten Essen.

Dabei speichere ich viele Zwischenschritte, damit mir nichts verloren geht. So ist über die Jahre ein riesiges Bildarchiv entstanden. Ich habe meine digitalen Arbeiten von damals bis heute aufgehoben.

Und vielleicht beschreibt genau das meine Art, kreativ zu sein: suchen, lernen, ausprobieren, staunen … und aufhören, wenn ich satt bin.

Aus Wort- und Bildspuren entsteht Inspiratiografie

Am 10. Mai 2012 gab ich dem, was sich schon länger miteinander verbunden hatte, einen Namen: Inspiratiografie.

Ich erschuf dieses Kunstwort für die Verbindung von Inspiration, Worten und Bildern, die längst Teil meiner kreativen Sprache geworden war.

Aus eigenen Silben entstanden kleine Textbotschaften, die ich mit Fotografien, selbst gestalteten Grafiken und digitalen Bildwelten verband. Photoshop und andere Programme wurden zu weiteren Werkzeugen meiner kreativen Sprache.

Kurz darauf entstand die Webseite Inspiratiografie. Was zuvor einzelne kreative Spuren gewesen waren, bekam einen gemeinsamen Ort.

Damals schrieb ich dort:

Ich versuche immer wieder, den inneren Impulsen meines Herzens zu folgen. Beim Fotografieren ebenso wie beim Spiel mit Silben und Worten.

Worte und Bilder haben ihre eigene Sprache. Sie berühren jeden Menschen anders. Deshalb möchte ich dir keine fertigen Antworten geben, sondern dich dazu anregen, deine eigenen Antworten in dir zu finden. Vielleicht liegt manches von dem, was du im Außen suchst, längst in dir. In Gedanken, Empfindungen, Bildern und leisen Impulsen, die wahrgenommen werden wollen.

Dort, im Raum der Möglichkeiten, haben Inspirationen, Ideen, Geistesblitze und Erkenntnisse ihren Platz. Dort kann etwas entstehen, das vorher noch keine Form hatte.

Heute, vierzehn Jahre später, erkenne ich darin etwas wieder, das geblieben ist.

Die Formen haben sich verändert. Neue Ausdrucksmöglichkeiten sind hinzugekommen. Ich male, schreibe, kritzele, fotografiere, gestalte digital und verbinde, was sich miteinander verbinden will.

Doch die Spur ist dieselbe geblieben: einem inneren Impuls eine sichtbare Form zu geben.

Gezeichnete Spuren

2017 begegnete mir eine Zeichenmethode, die kreatives Gestalten mit inneren Prozessen verband. Das weckte meine Neugier: Was geschieht beim Zeichnen, wenn nicht das fertige Bild im Mittelpunkt steht, sondern das, was während des Gestaltens in mir in Bewegung kommt?

Ich suchte eine Möglichkeit, jedem Trauma Ausdruck zu geben, ohne es preiszugeben. Im Abstrakten zu bleiben bedeutet einen Sicherheitsraum zu haben auf dem Papier: Ich konnte überall zeichnen, weil niemand erkennen konnte, was das Gezeichnete für mich bedeutete. Diese Suche führte mich tiefer in die Beschäftigung mit kreativen Prozessen, und ich schloss nacheinander meine Ausbildungen zur NeuroGraphik®-Trainerin und zum Ästhetischen Coach ab.

Etwa zur gleichen Zeit lernte ich eine weitere Form des intuitiven Kritzelns kennen. Mich interessierten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Also tat ich, was ich schon immer getan hatte: genau hinschauen, analysieren, ausprobieren und prüfen, was für mich stimmig war und was nicht.

Dabei wurde mir meine eigene Haltung immer deutlicher. Vorgaben, auch gut gemeinte, erzeugten bei mir Widerstand. Sobald ich mich brav an Linien oder Regeln halten sollte, verließ mich der Flow. Auch einem Strich, einer Form oder einem Symbol möchte ich keine festgelegte Bedeutung geben. Schon gar keine kulturell überlieferte, denn dasselbe Symbol kann für verschiedene Menschen etwas völlig anderes bedeuten.

Ein Bild muss nicht von außen gedeutet werden. Was ein Mensch darin erkennt, empfindet oder mit seiner eigenen Geschichte verbindet, gehört ihm.

Eine Methode kann eine Tür öffnen. Doch irgendwann muss man selbst hindurchgehen.

So führte mich die intensive Beschäftigung mit unterschiedlichen Zeichenmethoden irgendwann über deren Grenzen hinaus. Ich nahm Erfahrungen und Erkenntnisse mit, ließ anderes zurück und entwickelte meine eigene Art des kreativen Arbeitens weiter.

Je länger ich mich mit Methoden und Konzepten beschäftigte, desto deutlicher bemerkte ich auch, wie sehr sie den eigenen Ausdruck unbewusst beeinflussen können. Heute interessiert mich mehr, was geschieht, wenn ich diese Vorgaben loslasse und stattdessen spüre und bemerke, was in mir leise spricht: in meinen Gedanken, meinen Körperwahrnehmungen und meinen Gefühlen.

Nach all dem Lernen wurde mir deshalb etwas anderes wichtig: keiner neuen Schule zu folgen, sondern das zu leben, was Inspiratiografie für mich im Kern bedeutet.

Einem inneren Impuls eine eigene, unverwechselbare Form oder Gestalt geben.

So frei und unbeeinflusst von Konzepten und Methoden, wie es mir möglich ist. Damit die eigene Spur sichtbar werden darf. Die eigene Signatur.

Mein künstlerisches SoSEIN im DaSEIN.

2020 neurographik
kritzelbar geschichte inspiratiografie

Meine Spurensuche ist nicht abgeschlossen.

Ich schreibe weiter. Ich male, kritzele, fotografiere, verfremde, kombiniere und spiele mit dem, was mir begegnet.

Manche Spuren verstehe ich rückblickend erst Jahre später. Andere entstehen gerade jetzt neu. Und manche führen zu etwas, für das ich in diesem Augenblick noch keinen Namen habe. Aber die Hauptsache ist:

Ich bin Mittendrin, denn:

Ich male nicht, weil ich Künstlerin bin.
Ich schreibe nicht, weil ich Autorin bin.
Ich gestalte, weil darin etwas sichtbar werden kann, für das was vorher keine Sprache hatte.

Das Leben hinterlässt Spuren und Kreativität macht daraus etwas, das wir anschauen können in unterschiedlichen Ausdrucksformen. Meine Kunst gehört zu meiner Lebensgeschichte und den Räumen, denen ich meine Bedeutung einhauche. Durch die kreative Auseinandersetzung meiner Lebensthemen verwandelten sich Dunkelheit in Licht und Schattenwelten in farbenfrohe, lebendige Welten.

Heute muss ich meine vielen unterschiedlichen Spuren nicht mehr zu einer einzigen Geschichte machen. Sie darf aus vielen Spuren und Sternen bestehen, weshalb ich dich zu einem Spaziergang in meinem eigenen Universum einlade.

spuren und sterne

Kunst ist nicht ein Sich verständlich machen, sondern ein dringendes Sich selbst verstehen; je näher Sie also ihrer innersten, einsamsten Anschauung und Vision kommen, je mehr ist erreicht, und wenn auch keiner sonst es verstünde.

Rainer Maria Rilke